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Operetten-Klassiker "Die lustige Witwe" im Stil der 50er-Jahre heute (30.05.2026) auf 3sat

Samstag, 30.05.2026 13:16 Uhr | Tags: 3sat, Operette

Ein ungewöhnlicher Blick auf den berühmtesten Klassiker der leichten Muse erwartet das Fernsehpublikum heute Abend (30.05.2026). Der Kultursender 3sat strahlt um 20:15 Uhr die Aufzeichnung der Operette "Die lustige Witwe" aus der Volksoper Wien aus und präsentiert damit eine Neuinszenierung, die radikal mit den verstaubten Konventionen des Genres bricht. Die französische Regisseurin Mariame Clément gibt mit dieser turbulenten Handlung zwischen echter Liebe und strenger Staatsräson ihr beachtetes Debüt an dem traditionsreichen Wiener Opernhaus. Unter der musikalischen Leitung des neuen Musikdirektors Ben Glassberg entfaltet das Orchester der Volksoper einen kraftvollen und präzisen Klang, der die unvergesslichen Melodien von Franz Lehár trotz aller inszenatorischen Experimente voll zur Geltung bringt.

Ein gealtertes Liebespaar im Petticoat-Jahrzehnt

Das gestalterische Konzept der Regie wirft einen völlig neuen, melancholischen Blick auf die bekannte Liebesgeschichte. Mariame Clément versetzt das Geschehen kurzerhand in die 1950er-Jahre und stattet die Bühne mit wehenden Petticoats, markanten Haartollen und schweren, blauen Samtvorhängen aus. Eine agile Drehbühne sorgt dabei für rasante Szenenwechsel. Der Clou der Produktion liegt jedoch im Alter der Hauptfiguren: Hanna Glawari (Anett Fritsch) und ihr geliebter Graf Danilo (Daniel Schmutzhard) treten hier deutlich gealtert auf. Publikumsliebling Daniel Schmutzhard wird dafür um Jahrzehnte älter geschminkt und muss sich auf der Bühne mühsam am Stock vorwärtsbewegen. Dieser bewusste Bruch verleiht den Figuren eine nostalgische Glaubwürdigkeit und eine völlig neue emotionale Tiefe, die in der Theaterwelt für reichlich Diskussionsstoff sorgte.

Zwischen Slapstick-Gags und dem Erbe der Zensur

Inhaltlich basiert das Werk auf einer bitteren Vorgeschichte, die der aktuellen Handlung vorausgeht. Dem adeligen Grafen Danilo war es einst aus familiären Gründen streng untersagt, das einfache Mädchen vom Lande zu heiraten. Während er seinen Kummer daraufhin im Pariser Nachtleben bei den leichten Grisetten ertränkte, ehelichte Hanna einen steinreichen Bankier, der noch in der Hochzeitsnacht verstarb. Beim glanzvollen Ball der Pariser Botschaft des fiktiven Staates Pontevedro – der damals nur erfunden wurde, weil den historischen Zensoren der echte Staat Montenegro zu real erschien – treffen die beiden als wohlhabende Witwe und Diplomat wieder aufeinander. Umgeben von gierigen Mitläufern, die es nur auf Hannas Millionen abgesehen haben, entflammt auch Danilos Liebe neu, doch er schweigt aus Stolz. Die Inszenierung füllt diese Liebeswirren mit pointiertem Slapstick, der vom Versteckspiel im Kleiderkoffer über Fotoautomaten bis zum Lampenschirm-Gag reicht.

Aktualisierte Dialoge und ein Hauch von Melancholie

Das Spiel mit den vertrauten Klischees wird durch modernisierte Texte auf die Spitze getrieben. Die Dialoge wurden für die Wiener Bühne spürbar aufgefrischt und arbeiten mit effektiven Running Gags, wie der wiederkehrenden Phrase "So ist’s einmal. Und fertig.", was die Ironie des Abends geschickt unterstreicht. Als Hanna schließlich eine Scheinverlobung mit Camille de Rosillon eingeht, um die vermeintlich anständige Botschaftergattin Valencienne vor einem Skandal zu schützen, droht die Situation vollends zu eskalieren. Erst als alle Missverständnisse beseitigt sind und Hanna vorgibt, durch eine erneute Heirat ihr gesamtes Vermögen zu verlieren, kann Danilo ihr endlich seine ehrlichen Gefühle gestehen.

Ein lohnendes Experiment für Musikliebhaber

Diese Wiener Produktion wandelt stilsicher auf dem schmalen Grat zwischen liebevoller Retro-Ästhetik und pointiertem Humor. Zwar spaltete das visible Altern der Protagonisten die Gemüter der Theaterkritik, doch gerade durch diesen erzählerischen Kunstgriff entwickelt der Abend eine ganz eigene, leicht schräge Wärme. Wer bereit ist, sich auf eine ungewohnte, aber musikalisch erstklassig umgesetzte Interpretation einzulassen, erlebt mit diesem Gastspiel ein charmantes Stück Musiktheater. Das Einschalten lohnt sich für Operettenfans ebenso wie für Skeptiker, die den Klassiker noch einmal völlig neu entdecken wollen.


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